Erdgas-Auto im Test:
Umweltfreundlich, verlässlich und mit hoher Reichweite

Erst Strom, dann Gas. Nein – ich habe weder meine Heizungsanlage noch meine Herdzufuhr umgestellt. Es geht ums Auto. Nachdem ich vor kurzem ein Elektro-Auto der Stadtwerke Neuss testen konnte, darf ich nun ein Erdgas-Auto zur Probe fahren. Mitarbeiter der Stadtwerke Neuss sind mit 30 dieser Flitzer im Stadtgebiet im Einsatz. Für jeden von weitem sichtbar: „Ich fahre mit Erdgas – umweltschonend“. Doch sind die Autos tatsächlich alltagstauglich? Und welche Unterschiede gibt es zum Benziner oder Diesel? Ich will es wissen.

700x465-Broer-Erdgas-Auto.jpgDie Einweisung durch Marc-Roger Püll, Mitarbeiter in der Abteilung Leitungsbetrieb / Technischer Kundendienst der Stadtwerke Neuss, ist schnell erfolgt. „Eigentlich ist alles, wie bei jedem anderen Auto auch“, so Püll. Bis auf ein wichtiges Detail: Es gibt zwei Tankanzeigen. „Die linke Anzeige zeigt an, wie viel Erdgas vorhanden ist, die rechte zeigt den Benzinvorrat“, erklärt Püll. Denn der Motor eines Erdgas-Autos benötigt zum Starten Benzin. „Anschließend schaltet der Motor sofort auf Gas um“, sagt Püll weiter.

Keine Angst vor Erdgas-Autos

Seit nunmehr zehn Jahren fahren die Mitarbeiter der Stadtwerke Neuss überwiegend mit 35 Erdgas-Autos sowie zudem mit inzwischen sieben Elektro-Autos. Bundesweit machen Erdgasautos allerdings nur einen Anteil von 0,1 Prozent aller Zulassungen aus – so das Kraftfahrtbundesamt mit Stand vom September 2016. Im vergangenen Jahr gab es sogar deutliche Rückgänge bei den gasbetriebenen Pkw: Beim Flüssiggas wurden 17,9 Prozent weniger Autos zugelassen, beim Erdgas sogar 39,4 Prozent weniger. „Dabei sind Erdgas-Autos eine sinnvolle Alternative. Wir haben bislang nur gute Erfahrungen gemacht“, sagt Püll. Doch dann fügt er einen Satz hinzu, der mich aufhorchen lässt: „Es ist nicht der Fall, dass man auf einer tickenden Zeitbombe sitzt.“ Tatsächlich: Googelt man das Stichwort „Erdgasauto“ gibt es nicht nur Autowerbung und sachliche Informationen, sondern einige beängstigende Treffer. „Erdgasauto – die explosive Gefahr“ – heißt es beispielsweise.
Unfälle wie in Duderstadt im vergangenen Jahr, oder in Schweden hatten für Schlagzeilen gesorgt, weil Erdgasautos beim Tanken explodiert waren. Zeitweise hatten daraufhin sogar einige Mineralölkonzerne den Tankstellen-Betreibern empfohlen, ihre Erdgas-Zapfsäulen vorerst stillzulegen. Wie sich später herausstellte eine überzogene Reaktion. Denn Ursache waren verrostete, korrodierte Erdgasflaschen. In manchem Fall waren die vorgeschriebenen Inspektionstermine sogar überschritten gewesen. Deshalb werden die Flaschen in den Erdgas-Fahrzeugen der Stadtwerke Neuss alle zwei Jahre im Rahmen der sogenannten Gas-Anlagenprüfung (GAP) überprüft, erklärt Reinhold Dorn, Fuhrparkleiter der Stadtwerke Neuss.

Crashtest belegt: Gasflaschen optimal geschützt

Grundsätzlich gilt wohl eher, dass Erdgasautos so sicher sind wie andere Fahrzeuge auch. Der ADAC hat beispielsweise einen Opel Zafira CNG, Baujahr 2004, einem Crashtest unterzogen und keine zusätzliche Gefahr festgestellt. Die Tester dazu: „Obwohl Unfälle mit Brandentwicklung sehr selten vorkommen, haben wir den CNG-Zafira zusätzlich in Brand gesetzt. Die Ergebnisse waren unspektakulär... Die in einem Metallkäfig untergebrachten Gasflaschen verbleiben sowohl im Front- wie auch im Seitencrash trotz der Karosserie-Verformungen in der ursprünglichen Position. Sie sind somit optimal vor Beschädigungen geschützt. Undichtigkeiten an der gesamten Gasanlage treten nicht auf, auch dank der automatisch schließenden Sicherheitsventile an den Flaschen.“
Zugegeben: etwas verunsichert hat mich das schon. Schließlich sitzt man als Fahrer quasi auf den Flaschen, die im Wageninneren verbaut sind. Andererseits: Über den Tank mit hochexplosivem Benzingemisch in meinem Auto habe ich mir zuvor auch nie Gedanken gemacht.

Betankt mit Gas und Benzin

700x525-Erdgas-Auto.jpgAlso weiter zu anderen Details: Der VW-Caddy, der mir zur Verfügung gestellt wird, ist brandneu. Erst 186 Kilometer gelaufen. Und vollgetankt ist er auch: 420 Kilometer Reichweite mit Gas und obendrein 90 Kilometer mit Benzin. Beim Fahren merke ich keinen Unterschied zum Benziner oder Diesel. Die Start/Stopp-Automatik reagiert sofort, der Wagen fährt flott, ruckelfrei und dynamisch. 160 Stundenkilometer sind – im Gegensatz zum getesteten Elektro-Auto – kein Problem. Etwas sportlicher dürfte der Wagen schon sein. Er zieht nicht besonders gut an, aber das liegt wohl eher am Typ „Caddy“ als am Erdgas. Dass der Pkw erst Benzin braucht und dann auf Erdgas umschaltet, merke ich nicht.
„Benzin verbraucht der Wagen nur beim Starten“, erklärt Püll. Sollte jedoch der Gas-Vorrat leer sein, schalte der Wagen auch sofort auf den deutlich kleineren Benzin-Tank um. Wenn ich Tanken wolle, müsse ich bei den Tankstellen auf die Anzeige „Erdgas“ oder „CNG“ achten, gibt Püll mir noch mit auf den Weg. Ich dürfe es nicht mit Autogas verwechseln, warnt er. Denn Autogasfahrzeuge werden mit Flüssiggas, also LPG (Liquified Petroleum Gas), betrieben. Erdgasautos dagegen mit CNG.

Erdgas an der Tankstelle über Versorgungsnetz

CNG steht für Compressed Natural Gas. Denn der fossile Brennstoff Erdgas, der größtenteils aus Methan besteht, wird als komprimiertes Gas mit einem Druck von 200 bar angeboten – deshalb CNG. Wie das Gas zum Heizen oder Kochen kommt das zur Verbrennung in Automotoren genutzte Erdgas über das normale Versorgungsnetz in Pipelines bei uns an. Daher werden die meisten Erdgas-Säulen in der Regel auch von lokalen Stadtwerken oder anderen Energieversorgern betrieben. So wie in Neuss, wo die Stadtwerke Neuss zwei Erdgastankstellen betreiben: Zum einen an der Aral-Tankstelle Engelbertstraße / Berliner Platz, zum anderen an der Esso-Station an der Langemarckstraße.
Sorgen um die Reichweite muss ich mir wohl keine machen. Schließlich soll es ja eine Testfahrt sein und kein Wochenendausflug an die Küste oder in die Berge. Das Erdgastankstellen-Netz in Deutschland steckt allerdings immer noch in den Kinderschuhen. Nach Angaben des ADAC gibt es in Deutschland derzeit etwa 900 Tankstellen, die Erdgas CNG anbieten (Stand: Oktober 2017). Zum Vergleich: 14.152 Tankstellen bieten dagegen deutschlandweit Benzin und Diesel an.

Stadtwerke Neuss betreiben Erdgas-Tankstelle

Auf meiner Strecke, die mich zunächst Richtung Mönchengladbach, später nach Kempen und am nächsten Tag nach Düsseldorf und Neuss führt, komme ich an rund 25 Tankstellen vorbei. Nur zwei davon bieten Erdgas an. Später im Büro rufe ich mir jedoch entsprechende Apps auf und siehe da: Allein im Umkreis von 50 Kilometern rund um Neuss gibt es 72 Erdgastankstellen. Offensichtlich ist es in Ballungsgebieten kein Problem, Erdgas zu tanken. Auf dem Lande sieht es schon anders aus. Und sogar in manchen Städten sind die Erdgastankstellen wieder geschlossen worden. „Das sind Nachrichten, die viele Autofahrer, die mit einem Erdgasfahrzeug liebäugeln, verunsichern“, sagt Püll. Er ist überzeugt: „Die Stadtwerke Neuss werden weiterhin Erdgas anbieten.“

Erdgasautos saubere Alternative zu Diesel und Benzin

Denn Erdgasfahrzeuge sind vor allem eins: umweltschonend. Während Diesel als Stinker gelten und auch manche Benziner seit September 2017 einen Rußpartikelfilter brauchen, sind Erdgasfahrzeuge eine saubere Alternative. Das liegt am Rohstoff CNG. Bei dessen Verbrennung entstehen weniger Stickoxid, Kohlenmonoxid sowie CO2 als bei Benzinern und Dieseln. Auch Rußpartikel fallen kaum an. Hinzukommt: Langfristig könnte der Kraftstoff durch Beimischung von Methan aus erneuerbaren Quellen sogar noch „grüner“ werden.

Erdgastankstellen in Neuss

  • Die Stadtwerke Neuss betreiben zwei Erdgastankstellen in Neuss. Diese befinden sich hier:


    Aral-Tankstelle


    Engelbertstraße / Berliner Platz

    41462 Neuss

     

    Esso-Station


    Langemarckstraße

    41460 Neuss

     

    Deutschlandweit Tankstellen finden

Und noch ein Vorteil: Eine schnelle Energiewende wäre in Deutschland möglich durch Methan. Denn das bundesweite Gasnetz ist mit mehr als 500.000 Kilometern Länge sowohl eine riesige Versorgungsader als auch der größte Energiespeicher der Republik. Außerdem ist Erdgas günstiger: 700x465-Erdgasauto.jpgGegenüber Diesel um rund 30 Prozent, im Vergleich zu Benzin sogar um rund 50 Prozent. Noch ist die Tankstellendichte zwar kleiner als bei normalem Kraftstoff. Dafür ist die Reichweite deutlich höher. Zudem sollen die bisherigen rund 900 CNG-Tankstellen auf 2.000 Standorte ausgebaut werden. Dazu hat sich eine Initiative verpflichtet, der auch Unternehmen aus der Gas- und Mineralölwirtschaft angehören.

Erdgas-Autos verstärkt in den Fokus nehmen

Mein Fazit: Mit einem Erdgas-Auto zu fahren, ist ein gutes Gefühl. Das Auto ist ebenso komfortabel und unkompliziert wie jeder andere neue Diesel oder Benziner auch. Anders als im Elektro-Auto muss ich mir keine Gedanken machen über stromfressende Assistenzsysteme, stundenlange Ladedauer und die Suche nach Ladestationen, die längere Fahrten eher zur Zitterpartie werden lassen. Nach über 110 Kilometern Testfahrt hätte ich immer noch eine Reichweite von 440 Kilometern. 350 Kilometer mit Gas, 90 Kilometer mit Benzin könnte ich noch fahren. Das Auto ist kein „Gas“-Fresser, schnurrt leise und ist ein verlässlicher Begleiter.
Warum Erdgas-Autos nicht stärker im Fokus von Politik, Autoindustrie und Verbrauchern sind, ist mir ein Rätsel. Denn Erdgas-Autos sind insbesondere aufgrund ihrer umweltschonenden Technik, der „normalen“ Tankdauer sowie des vorhandenen Gasnetzes eine schnellere Alternative als die noch wenig überzeugende Technik der Elektro-Autos. Hinzukommt: Erdgas könnte dem Verbrennungsmotor helfen, mittelfristig zu überleben. Ich würde mir wünschen, dass Erdgas stärkeres Gewicht in der Automobiltechnik bekommt. Denn Lösungen sind jetzt notwendig – zumal die visionären Ansätze in der Elektromobilität wohl noch etwas dauern werden.

Ihre Bärbel Broer, freie Journalistin und Autorin des Stadtwerke-Magazins

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Vom Erdgas-Auto zum Elektro-Flitzer: Bärbel Broer testet  E-Auto

Autorin Bärbel Broer machte den großen Praxistest: Erdgas und E-Mobilität im Vergleich zum Benziner. Wie Ihre Erfahrungen mit dem E-Auto waren, was gut lief und was weniger gut - das erzählt sie in einem weiteren Beitrag für das Stadtwerke-Magazin.

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